• Ingo Smula

Das Orakel von Delphi

Das Orakel von Delphi war eine Weissagungsstätte im antiken Griechenland (1.600 vor Christus bis 391 nach Christus). Delphi galt lange Zeit als Mittelpunkt der Welt und war das wichtigste Orakel in der griechischen (hellenistischen) Welt.


Die Sage von Delphi

Einer griechischen Sage nach ließ Zeus zwei Adler von je einem Ende der Welt fliegen, die sich in Delphi trafen. Seither galt dieser Ort als Mittelpunkt der Welt.

Die Erdmutter Gaia vereinigte sich mit dem Schlamm, der nach dem Ende des Goldenen Zeitalters von der Welt übrig blieb, und gebar die geflügelte Schlange Python. Python hatte hellseherische Fähigkeiten und lebte an dem Ort, der später Delphi heißen sollte.

Hera, die Frau des Zeus, war eine Enkelin Gaias. Gaia prophezeite ihrer eifersüchtigen Enkelin, dass Leto, ihre Nebenbuhlerin und eine der Geliebten des Zeus, dereinst Zwillinge gebären würde, die größer und stärker als alle ihre Kinder sein würden. So schickte sie Python los, um Leto zu verschlingen, noch bevor diese ihre Kinder zur Welt bringen konnte. Diese Intrige wurde von Zeus verhindert, und Leto gebar Artemis und Apollon.


Eine der ersten Taten Apollons war die Rache an Python für den Anschlag auf seine Mutter. Er stellte sich gegen Python bei Delphi und tötete den Drachen. Durch das vergossene Blut Pythons übertrugen sich dessen hellseherischen Fähigkeiten auf den Ort. So wurde Delphi der Kontrolle Gaias entrissen und befand sich fortan unter dem Schutze Apollons.

Der Kraftort von Delphi galt ursprünglich der Verehrung der Muttergottheit Gaia und wurde entsprechend der nachfolgenden Symbolik „Pytho“ genannt, ehe es Apollon zugeschrieben wurde.


Symbolik

Als Bote des Zeus, welcher den Menschen den Willen des unsterblichen Gottes verkündete, wurde der Adler selbst zum Symbol für die Unsterblichkeit durch Auferstehung, Erlösung und des ewigen Lebens.

Gaia ist in der griechischen Mythologie die personifizierte Erde und eine der ersten Gottheiten. Ihr Name ist indogermanischen Ursprungs und bedeutet möglicherweise die Gebärerin. Bei den Griechen galt Gaia als Muttergottheit, als Gebärerin und Ernährerin alles Lebenden und auch als Todesgottheit, die den Menschen nach dessen Tod wieder in ihren Schoß aufnimmt.


Das Goldene Zeitalter gilt als Idealzustand der Menschheit: Kriege, Verbrechen und Laster sind unbekannt, die sozialen Verhältnisse sind ideal und die bescheidenen Lebensbedürfnisse wurden von der Natur erfüllt. Das einfache Leben in und mit der Natur wurde von den Kritikern des Goldenen Zeitalters allerdings auch als fortschritts- und kulturfeindlich bezeichnet.


Die geflügelte Schlange Python repräsentierte als Drache die Erde selbst, als die Urkraft, die den jährlichen Vegetationszyklus hervorbringt und wurde damit zum Symbol der Wiedergeburt, ebenso wie die Schlange, die die Haut wechselt. Drache und Schlange sind beide im griechischen Wort „drakon“ vereint und stellen so die Urkraft der Erde, den ständigen Wechsel zwischen Wiedergeburt, Tod und Erneuerung dar.


Apollon ist in der griechischen und römischen Mythologie der Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung sowie der Weissagung und der Künste, insbesondere der Musik, der Dichtkunst und des Gesangs; außerdem ist er Gott der Heilkunst und der Bogenschützen. Er war es auch, der laut Homer´s Ilias, aus Rache wegen der Schändung seines Tempels, den Pfeil des Paris so lenkte, das Achilles an seiner einzigen verwundbaren Stelle, der Ferse, tödlich getroffen wurde. Auch heute noch gilt Apollon als Ideal männlicher Schönheit.


Erklärung / Interpretation der Sage

Im übertragenen Sinne tötet der Gott des Lichts (Apollon) den Wächter des Ortes (Python), überträgt dessen Fähigkeiten auf den Ort (wie in der christlichen Eucharistie, in der das Blut Christi den Trinkenden transformiert) und ersetzt so die Verehrung einer allbeseelenden Naturreligion (im Sinne einer mit „Geist oder göttlichen Kraft ausgestatteten Erde“) mit einem personifizierten Gott der Heilung, Reinigung und des Schutzes.


Durch diese Demonstration der Stärke endet die personifizierte Verehrung der allumfassenden Natur und es beginnt das Zeitalter einer differenzierten und hierarchisch strukturierten Götterwelt, die zumeist einem Hauptgott unterstellt war.


Die Befragung des Orakels

Bevor das Orakel sprach, bedurfte es eines Omens: Ein Oberpriester besprengte eine junge Ziege mit eiskaltem Wasser. Blieb sie ruhig, fiel das Orakel für diesen Tag aus, und die Ratsuchenden mussten einen Monat später wiederkommen. Zuckte die Ziege zusammen, wurde sie als Opfertier geschlachtet und auf dem Altar verbrannt.


Nun konnten die Weissagungen beginnen: Begleitet von zwei Priestern begab sich die Pythia genannte weissagende Priesterin zur heiligen Quelle Kastalia, wo sie nackt ein Bad nahm (äußere Reinigung). Aus einer zweiten Quelle, der Kassotis, trank sie dann einige Schlucke des heiligen Wassers (innere Reinigung).

Begleitet von zwei Oberpriestern und den Mitgliedern des Fünfmännerrates ging die Pythia anschließend in den Apollontempel. Sie wurde nun vor den Altar der Hestia (Göttin des Familien- und Staatsherdes) geführt, wo – nach einigen Theorien – aus einer Erdspalte die berauschenden Dämpfe aufstiegen, so dass sie ihre Weissagungen in einer Art Trance gemacht hätte.

Die Pythia antwortete in ihren prophetischen Verlautbarungen unverständlich und musste von einem Priester interpretiert werden. Die Interpretation der Prophezeiungen durch einen Dritten ließ natürlich Spielraum für deren Deutung, die höchstwahrscheinlich auch politisch genutzt worden ist.

Symbolik

Eine Quelle entspringt tief im Inneren der Erde und ist so ganz besonders mit deren Seele innig verbunden. Das Quellwasser als Informationsträger versorgt uns so mit Lebenskraft und reinigt uns innerlich und körperlich, denn immerhin bestehen wir Menschen aus 60-80% resonanzfähigem Wasser.


Quelle von Kastalia: Ihr Wasser wurde von den Besuchern Delphis für rituelle Waschungen benutzt. Trank man von ihrem Wasser, so eine Sage, verlieh die Quelle einem die Dichtergabe – ein Hinweis auf die geistigen Kräfte dieses Ortes.


Die Philosophie des Orakels – Die drei apollonischen Weisheiten

Der Überlieferung zufolge sollen am Eingang des Tempels von Delphi die Inschriften „Erkenne dich selbst“und „Nichts im Übermaß“ angebracht gewesen sein. Insbesondere die erste, bekanntere Aufforderung deutet die eigentliche Absicht des Kultes bzw. der verehrten Gottheit an, nämlich die Auflösung individueller Probleme und Fragestellungen durch die Auseinandersetzung mit der eigenen inneren Persönlichkeit.


Die Erkenntnis der „Innenwelt“ diente damit als Zugang zur Problemlösung in der „Außenwelt“.

Selbsterkenntnis, als tägliche Übung, sollte der Anfang für ein selbstbestimmtes Leben sein, die Basis für jedes Sinn-volle Erschaffen der eigenen Realität.


Arthur Schopenhauer schrieb dazu:

Nur wenn die eigene Individualität in ihren Vorlieben und Talenten, aber auch in den Defiziten transparent wird, besteht die Möglichkeit, das Leben gezielt gestalten zu können.“


Die zweite Inschrift „Alles in Maßen“ mahnt zur Bescheidenheit im eigenen Tun. Das rechte Maß steht für eine Grundfigur antiken griechischen Denkens, die neben der platonischen Seinslehre bis zur aristotelischen Tugendethik auch die Musik, die Mathematik, Medizin und viele andere gesellschaftlichen Bereiche erfasste.


Als „Dritte apollonische Weisheit“ zierte wahrscheinlich „Du bist“ das Eingangsportal des Tempels. Diesen Ausspruch richtete man ursprünglich nicht an einen selbst, war also im Ursprung kein Bestandteil einer Selbstreflexion, sondern vielmehr einer Huldigung, die dem Gott Apollon, beziehungsweise der Göttlichkeit im Allgemeinen galt. Erst später wurde der Ausspruch als Ausdruck der Erkenntnis und Anerkenntnis der eigenen Existenz des Gläubigen umgedeutet.


Das Ende des Orakels

Das letzte überlieferte Orakel aus Delphi wurde so interpretiert, das er das Ende des Orakels selbst prophezeite:

„Kündet dem Kaiser, gestürzt ist [die] prunkvolle Halle, Phoibos hat nicht mehr [sein] Haus. Auch nicht [den] weissagenden Lorbeer noch [die] sprechende Quelle; verstummt ist auch [das] redende Wasser.“

Allerdings steht die Überlieferung im Verdacht religionspolitisch eingesetzt worden zu sein, denn es waren immerhin Anhänger des Frühchristentums, die diesen Spruch so belegten.

Das Ende des Delphischen Orakels kam dann auch durch den christlichen Kaiser Theodosius I., der 391 n. Chr. alle Orakelstätten durch ein Gesetz aufhob.


Quellen / Bildrechte

· Jospeh Fontenrose: Das Orakel von Delphi - University of California Press, Berkeley, Calif. 1978, ISBN 0-520-03360-4

· Michael Maaß: Das antike Delphi - Theiß, Stuttgart 1997, ISBN 3-8062-1321-6

· Wikipedia

Das Orakel von Delphi / © Ingo Smula 2020 / www.naturkraftkunde.de

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